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Kooperation mit dem TSV Oberstdorf.
Der Herzinfarkt ist für den Patienten ein Ereignis und eine Erfahrung, die in der Regel das Leben erheblich verändert. Das Wort "Risikofaktoren" kannte man bisher möglicherweise aus Zeitschriften und Gesundheitssendungen im Fernsehen. Warnende Hinweise des Hausarztes im Rahmen eines "Gesundheitschecks" bezüglich Übergewicht, Rauchen, hoher Cholesterinwerte oder gar Zuckerkrankheit wurden wenig beachtet.
Der Herzinfarkt trifft in der Mehrzahl Menschen, die zuvor ihr Herz kaum gespürt haben und bei guter Leistungsfähigkeit mit vollem Engagement im Beruf standen. Aber auch den älteren Menschen, der vorher kaum krank war und auf eine schöne Zeit im endlich erreichten Rentenalter gehofft hatte.
Moderne Therapieverfahren der Intensivmedizin, aber auch die Entwicklung hocheffektiver Medikamente in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, haben dem Herzinfarkt ein klein wenig seines Schreckens genommen. Die Sterblichkeitsquote der Infarktpatienten, die rasch in die Klinik gelangen, hat deutlich abgenommen. Immer mehr Menschen überleben ihren Herzinfarkt, immer weniger erleiden schwerwiegende Folgeschäden wie z.B. eine chronische Herzschwäche.
Die Fibrinolysetherapie der Intensivmedizin, also die medikamentöse Auflösung der ursächlichen Blutgerinnsel in den Herzkranzgefäßen, und die fast flächendeckende Versorgung mit Herzkatheteranlagen kann manchen Herzinfarkt verhindern oder zumindest in seiner Größe begrenzen. Ballonaufdehnungen und Stenteinlagen (kleine Metallgitterröhrchen) in die Herzkranzgefäße führen zumindest für einige Zeit wieder zu einer ausreichenden oder gar normalen Durchblutung des Herzmuskels.
Die langfristige Prognose ergibt sich jedoch aus der Frage, ob es dem Patienten gelingt, seine Risikofaktoren (Zigarettenrauchen, Bluthochdruck, Blutzucker- und Fettstoffwechselstörungen, Bewegungsmangel und Übergewicht) in den Griff zu bekommen.
Dabei kommt dem Bewegungsmangel eine ganz wesentliche Rolle zu.
Wir wissen heute aufgrund vieler großer Studien, daß ein regelmäßiges Ausdauertraining zur Verminderung aller anderen Risikofaktoren führt und somit die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Infarktes deutlich vermindern und die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden des Patienten erheblich steigern kann. Aus diesem Wissen wurden die heute fast regelhaft durchgeführten Rehabilitations- oder Anschlußheilbehandlungen (AHB) geboren, in deren Rahmen der Patient zu einer neuen, gesünderen Lebensführung finden soll.
Während des etwa 4-wöchigen Aufenthaltes in der Rehabilitationsklinik im Anschluß an das Akutkrankenhaus stehen Gymnastik und Ausdauersport ganz im Vordergrund. Der Erfolg dieser Maßnahme ist jedoch nur dann gegeben, wenn der Patient das Erlernte in der künftigen Lebensführung der folgende Jahre auch weiterhin praktiziert.
Aus Modellversuchen der Kölner Sporthochschule unter Leitung von Herrn Professor Hollmann entstand das Konzept der ambulanten Herzsportgruppen, von denen heute in Deutschland über 3000 nahezu flächendeckend existieren. Ländliche Gebiete und kleine Orte waren dabei stets das Sorgenkind in der Versorgungsstruktur und auch in Oberstdorf bedurfte es bei der Betreuung und beim Erhalt der Herzsportgruppe unter dem Dach - wie meist allerorts die Regel - des lokalen Sportvereins erheblicher Anstrengungen und des gemeinsamen Engagements der niedergelassenen Ärzte und der örtlichen Klinik.
Die nun auch räumliche Anbindung der Herzsportgruppe an die Klinik bringt für die Gruppe einige Vorteile. Der stets verfügbare und vorgeschriebene Defibrillator und Notfallkoffer mit Anwesenheit eines Arztes soll während der Übungsstunde die Sicherheit der Herzpatienten gewährleisten. Die unmittelbare Verfügbarkeit der Intensivstation im Hause kann diesen Anforderungen jedoch in weitaus besserem Umfang gerecht werden. Jedoch muß auf die äußerst geringe Anzahl schwerwiegender Ereignisse während der Übungstunden hingewiesen werden.
Neben dem intensiven Kontakt des Patienten zu seinem Hausarzt, der als einer der ärztlichen Betreuer auch in die Herzsportgruppe mit eingebunden ist, behält der Patient auch einen gewissen Kontakt zur Klinik am Ort und zu den Klinikärzten. Für den Fall erneuter Beschwerden oder gar eines erneuten Infarktereignisses verliert der Patient so doch ein wenig von seinen Berührungsängsten mit der Klinik.
Jede Übungsstunde beginnt mit der Messung und Dokumentation von Blutdruck und Pulsfrequenz. Nach einer ausreichenden Erwärmungsphase mit lockerer Bewegung, z.T. in Musikbegleitung, folgen Übungen zur Funktionsgymnastik, Muskelkräftigung und Muskeldehnung, ferner Koordinationsübungen, Bewegungsabläufe mit verschiedenen Geräten, Hockergymnastik etc.
Den Abschluß der Stunde bilden meist Entspannungsübungen oder auch kurze medizinische Informationsgespräche zwischen Arzt und Gruppenteilnehmer z.B, über Risikofaktoren, neue Behandlungsmethoden oder Untersuchungsverfahren bei Herzkrankheiten etc..

Der Gymnastikstab als Übungsgerät zur Bewegungs-, Kraft- und Koordinationsübung
Zur sportärztlichen Betreuung gehört z.B. die Überwachung der Herzfrequenz des Patienten während der Übungsstunde mit kleinen Pulsmeßgeräten mit Langzeitspeicher. Später kann der Verlauf der Pulsfrequenz während der Stunde und bei bestimmten Übungen am PC-Bildschirm verfolgt werden und als Ausdruck dem Patienten demonstriert werden. Bei Verdacht auf Herzrhythmusstörungen kann dem Patienten für die Dauer der Übungsstunde ein Langzeit-EKG angehängt werden oder bei schlecht eingestelltem Bluthochdruck ein Langzeit-Blutdruckmeßgerät.
Die Ermittlung der Herzfrequenz und des Blutdrucks am Beginn und am Ende der Sportstunde und immer wieder auch während der Übungen ist Standard.
Pulsfrequenzmessung - Pulsmeßgerät mit Langzeitspeicher und
der „harte Kern“ der Oberstdorfer Herzsportgruppe.
Der Gymnastikraum der Klinik braucht nicht die Dimensionen einer Turnhalle zu haben um die Voraussetzungen zur Durchführung einer Übungsstunde zu erfüllen. Eine effektive Funktionsgymnastik, Koordinationsübungen, Übungen zur Kraftausdauer und Entspannungsübungen lassen sich auch bei begrenzter Fläche problemlos durchführen.
Ein regelmäßiger Wechsel der Oberstdorfer Gruppe in das Schwimmbad des Kurhauses zur Wassergymnastik und in die Turnhalle des Gymnasiums mit viel Raum und Fläche für Laufübungen und Spiele erlaubt ein Variieren des Übungsprogrammes für die beiden Übungsleiter.
Neben dem harten Kern der Übungsgruppe beteiligen sich auch Patienten, die nur eine gewisse Zeit nach ihrem Infarkt an der ambulanten Rehabilitation teilnehmen. Einige dieser Patienten sind danach wieder so leistungsfähig und gesund, daß sie allein oder im Rahmen des normalen Sportvereins am Breitensport teilnehmen können. Ein Teil dieser Patienten verfällt jedoch auch wieder in den alten Lebensstil der Bewegungsarmut, wo Sport nur passiv vor dem Fernseher eine Rolle spielt. Den Anteil dieser Patienten so klein wie möglich zu halten ist die besondere Aufgabe von Hausarzt, gruppenbetreuendem Arzt und Übungsleiter.
Der Übungsleiter der Herzsportgruppe bedarf einer speziellen Übungsleiterlizenz, die er aufgrund seiner Ausbildung als Krankengymnast, Physiotherapeut oder Sportarzt im Rahmen mehrerer Lehrgänge erwirbt und im Rahmen regelmäßiger Fortbildungen immer wieder erneuern muß. Dies ist letztlich der Hauptgrund für einen Mangel an qualifizierten, lizensierten Übungsleitern.
Als Übungsleiter und Klinikarzt, der somit den Patienten sowohl während der schwierigen und risikoreichen Akutphase des Herzinfarktes in der Klinik als auch in den Jahren der ambulanten Rehabilitation danach erlebt ist für mich jeder Patient, der sich der ambulanten Herzsportgruppe anschließt und ihr längere Zeit aktiv angehört ein sehr schönes Erfolgserlebnis.
Auskünfte zur Oberstdorfer Herzsportgruppe erhält man bei Frau Sieber im Sekretariat der Inneren Abteilung (Chefarzt Dr. U. Bäcker) unter Tel. 08322-703330.
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